am 26.12.2017

Aufbruchstimmung

Der SC Oberstdorf besteht seit 111 Jahren. Er brachte Olympiasieger und Weltmeister hervor. Die WM 2021 soll für neuen Schwung sorgen

Hinter dem Kreisverkehr, so kurz nach dem Ortsschild, die Schanzen im Blick, da muss es irgendwo versteckt sein. Das Geheimnis. Genauer gesagt: das Erfolgsgeheimnis des SC 1906 Oberstdorf. Denn: Irgendetwas läuft in dieser Marktgemeinde anders als in anderen Orten. Nur so ist es schließlich zu erklären, dass ausgerechnet Oberstdorfer Skisportler disziplinenübergreifend erfolgreicher sind als ihre Konkurrenz. Die Titel- und Medaillensammlung wächst Jahr für Jahr. Experten artikulieren es schon längst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand: Der SCO ist der erfolgreichste Skiclub der Welt. Aber: Wo oder was ist das Geheimnis? Eine Spurensuche soll Licht ins Dunkel bringen…

Ortseingang Oberstdorf, von der B19 kommend, gleich links – das Gertrud-von-le-Fort-Gymnasium. Auf einem Schild, unmittelbar neben dem Eingang, steht: Eliteschule des Sports. „Wir sind im Augenblick die einzige staatliche Schule, die gleichzeitig auch Eliteschule des Sports ist,“ sagt Direktor Ludwig Haslbeck. Einer seiner erfolgreichsten Abiturienten ist Johannes Rydzek, mittlerweile sechsfacher Weltmeister in der Nordischen Kombination und Topfavorit auf Gold bei den Olympischen Spielen im Februar 2018. Rydzek hat auch von einem modernen Schulsystem profitiert, das ihm neben dem Training auch das Abitur
ermöglicht hat. „Unsere Spitzensportler können in Einzelfällen drei Jahre in der Oberstufe verbringen,“ erläutert Haslbeck. „Zudem bieten wir in der Mittelstufe einen eigenen Sportlerzweig an. Und wir haben seit zwei Jahren die Mittelstufe plus – sogar als Pilotschule.“ Das bedeutet: Die Schüler sind statt drei dann vier Jahre in der Mittelstufe, verringern damit die schulischen Belastungen, haben mehr Übungszeiten und keinen Nachmittagsunterricht. Besonders Engagement wird dabei vom Lehrpersonal erbracht. Von insgesamt 500 Schülern sind 130 Leistungssportler.

Am Fuße der Nebelhornbahn, mitten im Ort, sitzt Florian Kuiper in seinem Büro und koordiniert unter anderem die Infrastruktur für die Sportler. „Oberstdorf hat deutschlandweit, auch pädagogisch gesehen, einen sehr guten Ruf,“ freut sich der Leiter des Sportinternats. „Wir haben in unserem Internat inzwischen Athletinnen und Athleten aus sehr unterschiedlichen Sportarten. Von Eiskunstlauf bis Snowboardcross, dazu Alpine, Langläufer und Nordische Kombinierer.“ Heißt: Die Kombination aus Schule und Sport gibt nicht nur den Talenten eine gewisse Sicherheit in Sachen Ausbildung, sondern auch oder gerade den Eltern. Und schon ist der Anreiz da, sich für den SC Oberstdorf zu entscheiden. „Insbesondere in den höheren Schulklassen ist es häufig für die Eltern schwierig einzuschätzen: Kann ich meinem Kind den Leistungssport perspektivisch gesehen als alleinigen Job mitgeben oder hat es die Möglichkeit, etwas zu lernen“, sagt Peter Kruijer, Erster Vorsitzender des SCO. „Es kommen nämlich nicht alle oben an.“ Und so hat derjenige, der später auf irgendeinem sportlichen Level hängen bleibt, zumindest noch eine vernünftige Schulbildung. Doch nicht nur Gymnasium oder Internat machen den Standort Oberstdorf attraktiv. Es sind vor allem auch die Sportstätten und die Großveranstaltungen, die Kinder und Jugendliche zum Wintersport führen. „Das visuelle ist für die jungen Athleten mindestens genauso Mittags wichtig wie das Training“, sagt Langlauftrainer Hartmut Arnold. „Die Kinder sehen die Weltklasse-Athleten und versuchen, diese dann zu kopieren. Zudem sind sie bei den Wettkämpfen mittendrin.“ Als Fahnenträger bei der Vierschanzentournee
oder als Vorläufer bei der Tour de Ski zum Beispiel. Auge in Auge, Seite an Seite mit Weltmeistern und Olympiasiegern – das hat schon was. „Schanzen direkt im Ort, ein Langlaufstadion, alle Liftanlagen in unmittelbarer Nähe – die Infrastruktur in Oberstdorf ist einmalig“, frohlockt Kuiper, der auch immer wieder vom „besten Stützpunkt Deutschlands“ spricht. Wohl auch deshalb, weil er an der Schnittstelle von Nachwuchs- zu Spitzensportlern mit dem SC Oberstdorf einen zuverlässigen und leistungsstarken Partner hat. „Einige Trainer sind mischfinanziert“, sagt der Stützpunktleiter, was die sehr enge Zusammenarbeit unterstreicht.

Insgesamt beschäftigt der SCO 18 Trainer, fährt mit acht Bussen zu Trainingslagern und Wettkämpfen. Angeboten werden die Disziplinen Skisprung/Nordische Kombination, Langlauf und alpines Skifahren. Knapp 300 Nachwuchssportler werden zur Zeit gefördert, 37 aus dem Bereich Sprung/NoKo, 138 Langläufer und 120 Alpine. Außerhalb des Ortszentrums, im Langlaufstadion im Ried, spornt Trainer Arnold derweil seine Jugendlichen an; vermittelt Technik und Ausdauer. Nebenbei geht es aber noch um einiges mehr. „Sie können das heutzutage nicht mehr nur auf den reinen Leistungsaspekt reduzieren. Hier stehen auch Persönlichkeitsbildung, Disziplin und Lösen von möglichen Problemen innerhalb einer Gruppe mit auf der Agenda“, verrät der Übungsleiter. Derweil haben sich oben auf dem Fellhorn die Alpinen eingefunden. Nach Schule und kurzer Mittagspause ist Riesenslalom-Training angesagt. Bei strahlend blauem Himmel und einer ausgezeichnet präparierten und abgesperrten Piste. „Das“, sagt David Berktold, „geht nur mit der Unterstützung der Oberstdorfer Bergbahnen. Selbst in schwierigen Zeiten, mit wenig Schnee, können wir hier trainieren.“ Zudem verweist Berktold auf das Zusammenspiel mit dem Gymnasium, gerade wenn es im Herbst mal für ein paar Tage zum Gletschertraining geht. „Wir versuchen den Unterrichtsstoff so abzustimmen, dass unsere Athleten in der Zeit, in der sie fehlen, nicht allzu viel verpassen.“ Mit anderen Worten: Wird auf den Bergen länger gearbeitet, fahren sie in der Schule die Umfänge ein wenig zurück. Dieses „Teamwork“ funktioniert. „Für uns ist es doch Bestätigung, wenn ein Schüler sportlichen Erfolg hat“, sagt Direktor Haslbeck. Mittlerweile dämmert es in Oberstdorf. Das Flutlicht an den Schanzen geht an, rege Betriebsamkeit am Schattenberg. Ralf Schmid hat seine Gruppe versammelt, ein paar Eltern stehen im Auslauf. „Viele Mamas haben Angst um ihre Kinder, wenn sie sie so durch die Luft fliegen sehen, aber es passiert glücklicherweise relativ wenig“, sagt Schmid. Er hatte zuletzt ein paar geburtenschwache Jahrgänge, inzwischen sind die Kader wieder größer. „Dennoch,“ schmunzelt Schmid, „liebe Eltern, bitte dranbleiben, damit wir den Sprungsport auch in den nächsten Jahre so weiter betreiben können.“ Das Fleckchen Erde am Schattenberg unterscheidet den SC Oberstdorf maßgeblich von seinen Mitbewerbern: die Schanzen und das Stadion, auf das einmal im Jahr die ganze Welt schaut – zum Auftakt der Tournee. „Über dessen finanziellen Erfolg und den der anderen Großveranstaltungen sichern wir die Nachwuchsförderung“, erläutert Kruijer. Hinzu kommen mögliche Erlöse aus Weltmeisterschaften. Wenn an deren Ende eine „schwarze Null“ steht, ist das ein Erfolg für die Nachwuchsarbeit. „Die Jugendlichen werden durch derartige Events motiviert, avancieren später vielleicht dadurch zu Leistungsträgern und ziehen wieder Jüngere nach“, rechnet Kruijer vor, der hauptberuflich Arzt ist.

Auf Aufbruchstimmung, was die Mitgliederzahlen anbetrifft, setzen die Oberstdorfer mit Blick auf die Nordische Ski-WM 2021, die dritte nach 1987 und 2005. Damals gab es einen kleinen Boom, waren die Trainingsgruppen proppevoll. „Eine WM gibt uns aber auch infrastrukturell vielleicht die Möglichkeit, an der einen oder anderen Stelle nachzubessern“, hofft Kuiper aus Sicht des Sportinternats. Idealerweise wäre das in Form einer modernen Sporthalle, einer Art Sportzentrum, mit entsprechendem Fitnessbereich für die vielen Athleten, die in Oberstdorf trainieren. „Und dem Internat stünde eine Modernisierung auch gut zu Gesicht“, fügt er hinzu. Klappt das, wird der rund 2100 Mitglieder starke SC Oberstdorf auch weiterhin für Furore sorgen – in vielen Jahrgangsstufen, Disziplinen und Ergebnislisten. Der Blick hinter die Kulissen hat diverse Erkenntnisse darüber geliefert, warum das alles so ist. Der entscheidende Hinweis kommt aber schließlich im dunklen Skisprung- Stadion. Und zwar von Ralf Schmid. „Das Besondere hier ist der Zusammenhalt innerhalb der Marktgemeinde zwischen Sport, Tradition und dem Engagement jedes Einzelnen im Skiclub.“ Na bitte – damit ist
das Erfolgsgeheimnis wenigstens ein bisschen gelüftet.

Allgäuer Anzeigeblatt, 23.12.2017

Wir verwenden Cookies
Um die Funktionen unserer Websites technisch in vollem Umfang nutzen zu können, verwenden auch wir Cookies, um damit ein optimiertes und individualisiertes Online-Angebot sicherzustellen. Die Einbindung der Tools von Kooperationspartnern, die Statistiken zur Nutzung und dem jeweiligen Verhalten von Usern auf unseren Websites erstellen, werden ebenfalls hierdurch eingebunden und in die Leistungsmessung sowie die Anzeige relevanter Inhalte integriert. Ihre Zustimmung zur Verwendung von Cookies zu den oben genannten Zwecken erteilen Sie durch das Klicken auf "OK". Unter "Einstellungen öffnen" können Sie eine detailliertere Auswahl treffen und haben außerdem die Möglichkeit, die Einwilligung jederzeit zu widerrufen. Informationen zu Einstellungs- sowie Widerspruchsmöglichkeiten, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung | Impressum
zurück
Cookie-Einstellungen
Cookies die für den Betrieb der Webseite unbedingt notwendig sind. weitere Details
Website
Verwendungszweck:

Unbedingt erforderliche Cookies gewährleisten Funktionen, ohne die Sie unsere Webseite nicht wie vorgesehen nutzen können. Das Cookie »TraminoCartSession« dient zur Speicherung des Warenkorbs und der Gefällt-mir Angaben auf dieser Website. Das Cookie »Consent« dient zur Speicherung Ihrer Entscheidung hinsichtlich der Verwendung der Cookies. Diese Cookies werden von Weltcup Skispringen Damen auf Basis des eingestezten Redaktionssystems angeboten.

Cookies die wir benötigen um den Aufenthalt auf unserer Seite noch besser zugestalten. weitere Details
Google Analytics
Verwendungszweck:

Cookies von Google für die Generierung statischer Daten zur Analyse des Website-Verhaltens.
Anbieter: Google LLC (Vereinigte Staaten von Amerika)
Verwendete Technologien: Cookies
Datenschutzhinweise: https://policies.google.com/privacy?fg=1

Externe Videodienste
Verwendungszweck:

Integration von YouTube Videos.
Anbieter: Google LLC
Verwendte Technologien: Cookies
Datenschutzerklärung: https://policies.google.com/privacy?hl=de&gl=de

Integration von Vimeo Videos.
Anbieter: Vimeo LLC
Verwendte Technologien: Cookies
Datenschutzerklärung: https://vimeo.com/privacy